Die Bedeutung des Lebens

Ein Professor schloss seine Vorlesung wie er es gewohnt war mit immer den gleichen Worten, die da waren: „Gibt es noch Fragen?“

   Da fragte ihn tatsächlich diesmal einer seiner Studenten: „Herr Professor, welche Bedeutung hat eigentlich das Leben?“

   Ein anderer Student, der sich gerade anschickte zu gehen, konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Der Professor schaute deshalb den Fragesteller lange und eindringlich an, um zu sehen, ob er’s mit seiner Frage wirklich ernstmeinte. Doch dann kam er zu dem Schluss, dass dem so war, und er sagte: „Ich will Ihnen eine Antwort geben.“

   Er zog aus seiner Hosentasche eine Brieftasche. Aus der wiederum holte er einen rundlichen, kleinen Spiegel. Er war nicht viel größer als eine Münze. Dann sagte er: „Als Kind wuchs ich während des Krieges auf. Eines Tages entdeckte ich auf der Straße einen Spiegel, der zu Bruch gegangen war, zersplittert in tausend winzige Teile. Die größte Scherbe davon nahm ich und bewahrte sie auf. Und so begann ich mit ihr immer wieder zu spielen. Ich ließ mich verzaubern von der Möglichkeit, mit dem Spiegelchen Sonnenlicht in die dunkelsten Ecken zu leiten, wohin niemals die Sonne schien: in dunkle Löcher, in Felsspalten oder in eine finstere Abstellkammer. Und so hob ich mir den Spiegel bis heute auf.

   Als ich ein Mann wurde, begann ich zu verstehen, dass die Sache mit dem Spiegelchen mehr als nur ein Kinderspiel ist. Es ist vielmehr eine Metapher für alles das, was ich im Leben hätte machen können oder was mir darin möglich ist.

   Denn auch ich bin nicht mehr als das Bruchstück eines Spiegels, der sich oft nicht so recht bewusst ist, dass er in Wirklichkeit Teil eines größeren Ganzen ist. Aber mit dem wenigen, was ich bin und habe, kann ich doch eine ganze Menge bewirken. Ich kann das Licht, die Wahrheit, das Verständnis, das Wissen, die Güte und die Zärtlichkeit, derer ich fähig bin sie zu verspüren, in die dunklen Winkel der Herzen anderer Menschen spiegeln. Damit kann ich im einen oder anderen etwas zum Guten verändern. Und vielleicht werden dann andere Menschen, die das wahrnehmen, es mir gleichtun. Darin liegt für mich die Bedeutung des Lebens.“

 

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