An(ge)dacht

 
 Katharina Stingl

Liebe Leserin, lieber Leser,
 
   der Herbst malte uns mit seiner Farbenpracht die Welt bunt und schön. Es war wieder einmal so, als würde die Natur, bevor sie in den Winterschlaf geht, nochmal alle Register ziehen. Hatten Sie dieses Wunder in Polycolor auch im Blick?
   Mir ging es so wie „Frederick“, der Maus, im bekannten Kinderbuch, die statt ihren Wintervorrat zu sammeln und fleißig zu sein, dalag und Sonnenstrahlen, Wörter und Farben in sich aufnahm als Vorrat für die kommenden kalten und dunklen Wintertage.
   In diesem Buch von Leo Lionni, konnten die Mäusefreunde es nicht verstehen, dass Frederick keine Nüsse und Körner hortete. Doch als der kalte Winter wirklich kam, und sie nach und nach ihre Vorräte aufgegessen hatten, da waren sie froh, dass Frederick sie an seinen besonderen Vorräten teilhaben lies. Er erzählte ihnen von den Sonnenstrahlen und den bunten Farben des Herbstes und die Mäusefreunde schlossen die Augen und träumten mit Frederick und es wurde ihnen warm ums Herz in den grauen und langen Wintertagen. Das half ihnen, sie zu überstehen.
 
   Jetzt, in der dunklen Jahreszeit, tut es uns vielleicht auch gut, diese Erinnerung an den farbenfrohen Herbst wieder hervorzurufen zu können. Wohin zieht uns unser Blick? Aus welchem Blickwinkel betrachten wir alles um uns herum?


Ein kleiner Virus zieht nun schon seit Monaten scheinbar all unsere Blicke und Aufmerksamkeit auf sich. Wie werden wir damit über diesen Winter kommen? Die vielen Bilder der Nachrichten aus aller Welt, die Situationen beschreiben, die uns zweifeln lassen, machen Angst, unsicher und bange. Schon jetzt sehnen wir uns nach dem Frühjahr, nach der Hoffnung, dass dann alles besser wird. Aber wissen, tun wir es nicht.  
   Das Unberechenbare, die dunkle Jahreszeit, wer möchte sie nicht gerne schnell hinter sich bringen. Aber sie gehört zu unserem Jahreskreis dazu, genauso wie zu unserem Leben. Alles hat seine Zeit. So lesen wir dazu im biblischen Buch des Predigers im 3. Kapitel. Er nimmt uns mit in dem Gedanken, dass es für alles was auf der Erde geschieht eine bestimmte Zeit gibt. Er lässt mich nachdenken: Wohin wende ich meinen Blick, meine Gedanken?
   Wir können nicht mit Gewissheit in die Zukunft sehen, sondern müssen im Jetzt und hier unsere Entscheidungen treffen und in der Gegenwart die nötigen Schritte tun und hoffen, dass es wird, wie wir denken. Aber wir müssen das nicht alleine tun. Wir vertrauen dabei auf Gott und seine Nähe. Die Bibel nennt das Glauben. Als Christen wissen wir, dass der Glaube keine Sache jedes Einzelnen ist und sein darf, für das  stille Kämmerlein. Das hat uns Jesus von Nazareth mit seinem Leben vor Augen geführt. Mit seinen Freunden zog er durchs Land und erzählte den Menschen die Frohe Botschaft von Gottes Reich heute schon, mitten unter uns. Johannes schrieb darüber: „Ein Licht leuchtet inmitten der Finsternis!“ Deshalb feiern wir heute auch gerade in der dunkelsten Jahreszeit das Licht, das in die Welt gekommen ist. Weihnachten! Ob Jesus einst in der Nacht zum 25. Dezember zur Welt gekommen ist, wissen wir nicht. Aber das spielt auch keine Rolle! Sondern es kommt darauf an, wie wir die Dinge sehen, in welche Szene wir sie setzen, um die Wahrheit, die in ihnen steckt zu verstehen; wo wir unseren Blick hinwenden und was eine uns hilfreiche Perspektive dabei ist in den einzelnen Situationen und in unserem ganzen Leben. Daran wird sich entscheiden, was um uns ist, Licht oder Dunkelheit. Für uns Christen ist das der Schlüssel für die Frohe Botschaft!
  Jesus erzählt uns darin von einem barmherzigen Gott, der seine Kinder liebt, gerade weil er sie kennt. Entsprechend ruft uns auch die Losung für das neue Jahr 2021 ins Gedächtnis: „Jesus Christus spricht: seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“
   Vielleicht erleben wir diesmal im Advent wirklich eine „staade Zeit“, die wir uns doch immer so herbeigesehnt haben, und vielleicht bekommen wir dann auch einen ganz anderen Blick auf das, was uns wichtig ist. Hören die Geschichten in der Adventszeit ganz anders, tiefgründiger, wahrheitsschwanger. Denn auch unsere Vorräte können zur Neige gehen. Vergessen Sie dann nicht, die Vorräte in Ihrem Herzen! Denn die Liebe Gottes die in unsere Herzen gelegt ist, kann uns die Welt mit den richtigen Augen sehen lassen.


Es grüßt Sie/euch Katharina Stingl,
Vertrauensfrau des Kirchenvorstands
 
Buchtipp: Frederick
 
Autor: Leo Lionni
Illustration: Leo Lionni
Übers.: Günter B. Fuchs
Verlag: Beltz & Gelberg
Erscheinungsjahr: 19. Juli 2016 (Erstauflage: 1967)
Altersempfehlung: 4 bis 6 Jahre
ISBN: 978-3-4077-6007-4