Gruß zu Pfingsten

Das Pfingstwunder – Apg. 2, 1 - 18
 
   Wie war das wohl damals, dieses Brausen und Sausen. Es muss einfach unbeschreiblich gewesen sein, was sich damals da abgespielt hatte in jenem Haus, wo sie wieder versammelt waren. Wieder, nachdem sie ja fast alle das Weite gesucht hatten.   Es brauchte schon erst jene seltsamen Begegnungen mit ihm, dem Meister, dem Rabbi, Jesus, der doch eigentlich tot war, begraben, ja sogar verschwunden und doch irgendwie wieder da – im Geiste oder so?! Und in ihren Köpfen war das Wort, eines der letzten die sie, so glaubten sie, von ihm vernommen zu haben. Ein letzter Satz, bevor er dann ganz ihrer Sichtbarkeit entschwand, in dem es hieß: „… ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet Zeugen sein …“!
   So versuchten sie sich neu zu organisieren, im Untergrund. So wie sie sich’s dachten.  Doch dann saßen sie da im Haus und wussten nicht so recht. Sie waren so richtig schön beim Trübsal blasen. Denn was ihnen fehlte, war der letzte entscheidende Schritt. Und keiner von ihnen ahnte, dass ihnen bald Hören und Sehen vergehen würde.
   Als der Pfingsttag gekommen war, saßen die Jünger alle beisammen. Was ihnen fehlte, war der letzte entscheidende Schritt. Die Bande, zu der sie gerne dazugehören wollten; das Volk, von dem sie wussten, dass es die Menschen waren, denen sie als Nachfolger Jesu die Frohe Botschaft auszurichten hatten, stand draußen, während sie selber, von Selbstzweifeln geplagt, lieber drin blieben.
   Geplagt, so als gelte es, eine Mutprobe zu bestehen, wie sie – so glaubten sie – die Bosse, die religiösen Führer, Leaders of Correctness und Dogmatiker in Israel von ihnen verlangten, um ihre Rechtgläubigkeit und die Lauterkeit ihres Handelns unter Beweis zu stellen. Eine Mutprobe, so dachten sie wohl, die ja bereits ihrem Meister das Leben gekostet hatte.
Aber was hilft’s …
   Und überhaupt: Jesus, der Christus, was ist mit ihm? Oder wo ist er denn nun? Oder war das alles doch am Ende nur Einbildung? Frommes Phantasieren, die Begegnungen, die tröstenden Worte …
   Sie wünschten sich Wegweisung und Sicherheit. So wie damals. Etwas, das sie mit Sinnen fassen konnten. Klare Regeln und Erklärungen für das leere Grab, die Begegnungen, die Himmelfahrt, um wirklich glauben zu können, um das tun und sein zu können, wozu sie berufen waren.

   Die Jünger fühlten sich allein, verunsichert, wünschten sich Wegweisung, Sicherheit. Wäre es da nicht wirklich besser die Jünger damals und wir heute hätten noch Jesus leibhaftig an unserer Seite? - Nein!

   Denn glauben nach Regeln und nachvollziehbaren Beweisen, das ist kein richtiger Glaube, das ist keine wahre Kunst, das ist vielmehr wie „Malen nach Zahlen“. Das ist mehr Ideologie, aber kein Gottvertrauen.
   Nein, Glaube, das ist schon immer das große Wagnis, der immer wiederkehrende entscheidende Schritt – aber nicht ins völlig Ungewisse. Glauben heißt, Wege gehen trotz und auch mitten in der Verunsicherung, die wir in mancherlei Weise und besonders heute wieder erfahren.
   Glaube ist das Gegenteil von wissensmäßiger Gewissheit. So heißt glauben nicht wissen, sondern besser wissen, auch manchmal wider den Augenschein.
   Glaube ist deshalb nicht etwas rein Weltliches, sondern ist die Verbindung zu etwas „Überweltlichen“, zu Gott. Wer glaubt, der traut sich zu „transcendieren“ – zu Deutsch, die eigenen Möglichkeiten zu überschreiten, denn sonst ist es kein Glaube. Glaube ist mehr als das Menschenmögliche, aber trotzdem ist Glaube, das sich Anvertrauen an etwas Höheres, an einen Höheren, möglich; er hat ganz eng etwas mit uns zu tun. Und nur wer in irgendeiner weise glaubt, wird auch fähig sein, sich selbst bis in die hintersten Winkel seiner Seele wahrzunehmen.

   Was dazu braucht, sind keine Geheimnisse oder außerirdische Dinge, sonderrn es sind die Fähigkeit zu vertrauen, Mut, Vernunft und Verantwortungsbereitschaft für sich selbst und andere. Und so gelang es auch vor den Jüngern an Pfingsten Menschen, getragen vom Glauben entscheidende Schritte zu tun. Etwa Mose, der mit dem Volk aus Ägypten auszog in die Wüste; Josua, der mit dem Volk dann den Jordan überschritt, in das Land, das keiner mehr selbst kannte; die Propheten Israels, die mit ganzer Seele auch gegen die geläufige Meinung Gottes Wort ausrichteten; oder die Emmausjünger, die nach jener Begegnung mit dem Herrn umkehrten und das taten, wovon sie überzeugt waren.

   So wagten sie auch an Pfingsten das Unkalkulierbare, weil sie sich dennoch gewiss waren. Sie gingen den Schritt, nur anders als gedacht, anders als von vielen erwartet.
   Der erlösende Sprung, ohne genau zu wissen, was kommt. Der entscheidende Schritt. Die Aufregung dabei, dass ihnen die Ohren sausten und es war wie Zungen, zerteilt von Feuer … Nur dass sie diesen Sprung nicht kopflos ins Ungewisse machten, sondern, dass eine in ihnen aufkeimende Gewissheit in ihnen mächtig wurde. Erfüllt von einem neuen, einem Heiligen Geist. Eine Gewissheit, die sie ihrer selbst und ihres Auftrages gewiss machte. Eine Gewissheit, die man Glauben nennt. Die einem zukommt, wenn man sich traut, wenn man das zulässt. Und die zur Erkenntnis führt, wes Geistes Kind man in Wahrheit ist, des Geistes Gottes Kind, des Hl. Geistes Kind, der uns gemacht hat. Zur Erkenntnis, wofür ich wirklich verantwortlich bin, wem ich mich bei meinem Denken, Tun und Lassen zu verantworten habe, anstatt irgendwelchen Bossen und Ideologen, denen man gerne gefällig sein möchte auf den Leim zu gehen.
   Das ist so, wie der Moment, in dem Martin nach seiner Verzichtserklärung dort steht, überflutet vom jähen Gefühl seiner selbst, als er die Luft einsog, wusste, dass er das alles nicht nötig hatte und neu zu leben begann. Das ist, zu wissen, dass wir keine Mutprobe machen müssen, weil wir in Gottes Augen bereits bestanden haben.
  
   Glauben, das ist wie Fahrradfahren ohne Stützräder. Das ist wie Selber-Laufen und die stützende Hand der Eltern Loslassen. Gewiss, es ist immer auch ein Drahtseilakt, der auch gekonnt sein will. Aber auch eine Kunst, die nicht auf falschen und trügerischen Sicherheiten baut. Aber auch etwas, das man einmal erlernt, niemals mehr verlernt. – so jedenfalls glaube ich.

Ihr Pfarrer Robert Maier